
Biotech-Völker der Welt: schaut auf dieses Leipzig
Das irrlichternde Scheinwerferlicht der Biotech-Szene hat für zwei Tage eine klare Ausrichtung: mit dem Branchentreffen in Leipzig soll die nationale und internationale Aufmerksamkeit konzentriert in die heimliche Biotech-Hauptstadt gelenkt werden, die sich zudem auch noch anschickt, das hippe Berlin in punkto Start-up-Hotspot zu übertrumpfen. Die allgemeine Lage, die Herausforderungen und eine ganze Menge innovativer Ideen – das wird die Gemengelage vor Ort sein, um die sich die Präsentationen und Gespräche in der Stadt der Life-Changer drehen werden.
Sachsen entwickelt sich zunehmend zu einem der dynamischsten Life-Sciences-Standorte Deutschlands. Das ist nicht nur dem aktuell sehr aktiven Standortmarketing geschuldet, sondern hat sich über viele Jahre aufgebaut. Getragen von mehr als 25 Jahren gezielter Förderung und Investitionen von über einer Milliarde Euro ist ein Ökosystem mit rund 300 Akteuren und mehr als 15.000 Beschäftigten entstanden – mit Schwerpunkten in Biotechnologie, Pharma und Medizintechnik.
Leipzig, Dresden … und Chemnitz
Im Zentrum der Entwicklung stehen die beiden Cluster in Leipzig und Dresden, die zunehmend zusammenwachsen. Einrichtungen wie das Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie (Leipzig) oder das Zentrum für Regenerative Therapien Dresden stehen exemplarisch für dieses Zusammenwachsen und die wissenschaftliche Stärke der Region. Rund um die BIO CITY Leipzig und das BioInnovationsZentrum Dresden entstehen zusätzliche Kapazitäten für Start-ups und Unternehmen, während Chemnitz stärker in das Netzwerk biosaxony eingebunden wird.
„Die Biotechnologie-Offensive bleibt auch künftig ein zentrales Element der Innovationsstrategie des Freistaates“, betonte Wirtschaftsstaatssekretär Sebastian Scheel kürzlich. Gleichzeitig zeigt sich, dass Sachsen zunehmend international wahrgenommen wird – etwa durch Investitionen wie den Einstieg der irischen Kerry Group bei c-LEcta, einem Entwickler und Hersteller von Bio-Enzymen, oder den Kooperationen mit globalen Pharmakonzernen, wie sie die Dresdener Seamless über einen Milliardendeal mit Eli Lilly kürzlich bekanntmachen konnte.
Gelebte Translation
Ein entscheidender Standortvorteil liegt in der engen Verzahnung von Forschung, klinischer Anwendung und Industrie. „Die Biotechnologie und Life Sciences sind heute eine der großen Stärken des Standorts Sachsen“, sagt biosaxony-Vorstand Oliver Uecke. Diese Stärke speist sich auch aus der Verbindung zu anderen Schlüsselindustrien wie Mikroelektronik, KI oder Maschinenbau. Uecke weiß, wovon er spricht, denn für seine Lipidomics-Expertise im Unternehmen Lipotype braucht es ein tiefes Verständnis von Probenanalytik aus der Massenspektrometrie und die Beherrschung von Daten, Daten, Daten.
Gleichzeitig ist es wie an jedem anderen Standort in Deutschland auch. Es bleiben strukturelle Herausforderungen. Beim Branchentreffen und den Deutschen Biotechnologietagen wird erneut deutlich werden, dass insbesondere der Zugang zu Risikokapital, schnellere Genehmigungsverfahren und die stärkere Integration von Künstlicher Intelligenz entscheidend für das weitere Wachstum sind. „Mit der kompletten Wertschöpfungskette am Standort hat die Biotechnologie das Potenzial, sich künftig noch mehr zu einer Schwerpunktbranche für Sachsen zu entwickeln“, so sieht Thomas Horn die Lage für seine Region, was für einen Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Sachsen ein klares Bekenntnis ist.
Bitte nicht mehr fordern, sondern liefern
Gerade mit Blick auf komplexe Zukunftsfelder wie Zell- und Gentherapien setzt Sachsen auf genau diese sektorübergreifende Zusammenarbeit. Automatisierung, datengetriebene Prozesse und neue Produktionsansätze gelten als Schlüssel, um industrielle Skalierung zu ermöglichen. Das ist jedenfalls ein Unterschied zu früheren Branchentreffen, dass politischn Standortvertreter größere Hoffnung auf das industrielle Potenzial der Biotechnologie setzen als zu früheren Zeiten. Es liegt nun an der Branche selbst, aus der Rolle des ewigen Bittstellers und Mahners für neue Förderprogramme zu einer konkreten wirtschaftlichen Kraft zu werden, die den vielfältigen Herausforderungen aus industriepolitischer, geopolitischer und weltwirtschaftlicher Richtung etwas entgegenzusetzen hat.

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